SUSCH – ein Muzeum im Berg
Es gibt Orte, die man nicht sucht. Man findet sie.
Susch am Fuße des Flüelapasses ist so ein Ort. Zweihundert Einwohner, ein türkisgrüner Inn und mächtige Engadiner Häuser mit kunstvollen Sgraffito-Fassaden, die von einer Zeit erzählen, als hier Pilger auf dem Weg nach Rom und Santiago de Compostela Halt machten. Man würde hier alles erwarten – nur kein Museum für zeitgenössische Kunst. Und doch steht es hier: das Muzeum Susch – mit z, auf Polnisch, als Hommage an die Herkunft der Gründerin Grażyna Kulczyk.
2016 kaufte die polnische Unternehmerin und Kunstsammlerin den denkmalgeschützten Komplex. Ein Ensemble aus weiß gekalkten Mauern – ein Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das im 19. Jahrhundert zur Brauerei wurde. Still, verschlossen, engadinisch. Sie gab den Schweizer Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy einen einzigen, fast unmöglichen Auftrag: Nichts zu verändern und alles zu ermöglichen.
Weil unter Denkmalschutz nicht in die Höhe gebaut werden durfte, baute man in die Tiefe. 9000 Tonnen Amphibolit – ein lokales Gestein – wurden aus dem Berg gesprengt. Es entstanden 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf vier Etagen, rund zwanzig Räume, labyrinthisch miteinander verbunden. Der rohe Fels blieb an manchen Wänden stehen. An einer Stelle tritt Quellwasser aus und rinnt über den Stein.
Wer durch das Untergeschoss der alten Brauerei eintritt, verliert sofort die Orientierung. Im besten Sinne. Ein Raum mit einer Videoarbeit von VALIE EXPORT, dann eine kapellenartige Grotte aus abgetropftem Gips. Ein paar Schritte weiter steht man vor Monika Sosnowskas 14 Meter hoher, in sich verdrehter Stahltreppe im ehemaligen Eisturm. Dann wieder vor Mirosław Bałkas „Narcissus“ – einem sich langsam drehenden Edelstahlzylinder, der in einer von Hand herausgemeisselten Felshöhle das Licht bricht.

Kein lautes Museum.
Seit seiner Eröffnung 2019 versteht sich das Muzeum Susch nicht nur als Ausstellungsort, sondern auch als Forschungsinstitution. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, deren Werk lange übersehen oder an den Rand der Kunstgeschichte gedrängt wurde. Forschung, Ausstellungen und Publikationen greifen ineinander, um diese Arbeiten neu einzuordnen und sichtbar zu machen.
Wie Mariuccia Secol. Bis zum 1. November 2026 zeigt das Muzeum Susch mit Unraveling die erste grosse institutionelle Retrospektive der 1929 geborenen Italienerin. Über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg entwickelte Secol ein Werk zwischen Textilkunst, radikalem Feminismus und der Auseinandersetzung mit Erinnerung und Heilung.
Vielleicht liegt genau darin die Qualität dieses Ortes. Das Muzeum Susch drängt sich nicht auf. Es verlangt Zeit. Wer sie ihm gibt, verlässt das Museum mit dem Gefühl, nicht nur Kunst gesehen zu haben – sondern einen Ort, an dem Architektur, Landschaft und Geschichte dieselbe Sprache sprechen.
MUZEUM SUSCH
SURPUNT 78
CH – 7542 SUSCH
Geöffnet
Mittwoch bis Sonntag, 11–17 Uhr
(während der Hochsaison bis Ende September)
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